Der Westwall

 

Hintergrund

In der Propaganda des Dritten Reiches wurde der Westwall als "die unbezwingbare Festung im Westen" in Szene gesetzt. Wer sich ein wenig mit dem Thema "Westwall" befasst hat, weiß, dass diese Festung nicht unbezwingbar war, sondern eher ein Mittel zum Zweck auf dem Weg zur Macht.

Die Notwendigkeit zum Bau des Westwalls wurde der deutschen Bevölkerung in einer Zeit von wirtschaftlicher Depression, Arbeitslosigkeit und nationalem Zerfall unterbreitet. Der Festungswall im Westen sollte Schutz und Arbeit bringen. In einer Zeit, in der es durchaus üblich war, dass sich die Staaten Europas mit eigenen Festungswerken umgaben, wurde es dem NS-Regime recht einfach gemacht, die Bevölkerung für dieses Großprojekt im Westen zu begeistern. Es ist bis heute unumstritten, dass der Bau einer 630 km langen und bis zu 25 km tief gestaffelten Festungsanlage, mit mehr als 17.000 Einzelbauwerken, Hindernissen und Schützengräben in einer Bauzeit von nur knapp 3,5 Jahren eine große logistische Leistung war und absolut im Trend der allgemeinen Mehrheit der Bevölkerung lag.

Wer aber heute glaubt, dass eine Festungsanlage entlang der deutschen Westgrenze eine Idee von Adolf Hitler war, liegt falsch. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatte die preußische Reichsregierung Pläne für eine Festung im Westen ausgearbeitet. Hitler griff diese Idee später wieder auf, um mehrere Faktoren damit zu erreichen. Zum einen sollte das Vorhaben "Westbefestigung" eine scheinbare Antwort auf den Ausbau der französischen Maginot-Linie und den belgischen Festungsring Lüttich sein. Besonders Frankreich wurde als potenzielle Gefahr propagiert und später geriet auch England in dieses Schema und wurde ebenfalls als "Bedrohung aus dem Westen" angesehen.

Der Bau des Westwalls war, im Gegensatz zum Ostwallbau, mit Absicht auffällig vollzogen worden, um die "Gegner" abzuschrecken. Sogar Propaganda-Filme wurden gedreht, um den Eindruck des "unbezwingbaren Bollwerks" zu suggerieren. Dabei weiß man heute, dass die Masse der Aufnahmen am Ostwall aufgenommen wurden. Dieser war teilweise stärker und besser ausgebaut als der Westwall und vor allen Dingen wurden seine Bauprogramme, im Gegensatz zum Westwall, fertig gestellt.

Um den "Westwall", wie er während des Baus getauft wurde, realisieren zu können, waren hunderttausende Menschen nötig. Die wenigsten waren, wie im Ostwallbau, Facharbeiter. Mehrheitlich griff das NS-Regime auf die zahllosen Arbeitslosen und Hilfsarbeiter zurück, aber auch Freiwillige und der Arbeitsdienst arbeiteten am Westwall. Mit dem Einsatz dieser Masse von Menschen gelang es der Regierung ein weiteres ihrer Ziele zu erreichen. "Das Wir-Gefühl" wuchs in der Bevölkerung. Es gelang somit sogar dem eigenen Volk vorzugaukeln, dass der Westwall wirklich unbezwingbar wäre.



















Aus Sicht der NS-Politik hatte das Projekt aber nur ein einziges, klares Ziel. Der Westwall sollte der Ausweitung des Deutschen Reiches in Richtung Osten den Rücken freihalten. Als am 01. September 1939 der mit Stalin abgesprochene Angriff auf Polen begann und darauf England und Frankreich am 03. September 1939 dem Deutschen Reich den Krieg erklärten, begann der Westwall seine Aufgabe zu erfüllen. Frankreich und England waren zudieser Zeit militärischnicht in der Lage, einen Angriff auf Deutschland zu führen und der Respekt vor dem Westwall war so groß, dass im Westen "nichts" geschah. Genau das hatte Hitler sich erhofft. Nach dem 10. Mai 1940 und der anschließenden Besetzung Nordfrankreichs, sowie Belgiens und den Niederlanden, hatte der Westwall für Hitlers weitere Vorhaben keine Bedeutung mehr. 
Die Anlagen wurden verschlossen, teilweise abgebaut und vergessen.

Erst als "wider Erwarten" die Alliierten am 06. Juni 1944 in der Normandie landeten und schnell in Richtung Osten vorwärts kamen, geriet der Westwall wieder in Hitlers Fokus. Der Wall sollte nun mit dem gleichen Mythos von 1939 wieder erstarken. Als amerikanische Divisionen bereits im September 1944 vor dem Westwall standen wurde klar, dass dieser und seine Besatzungen nicht mehr so wehrhaft waren wie angenommen wurde. Lediglich jeder fünfte Bunker war besetzt, die Bauwerke und Hindernisse waren kaum einsatzfähig oder sogar unbrauchbar. Die rasante Entwicklung der Rüstungstechnik hatte den "schlafenden" Westwall überrannt. Trotzdem benötigten die Alliierten ganze 7 Monate um mit allen Teilen in das Deutsche Reich einzumarschieren. Besonders in diesem Zeitraum musste die Eifelbevölkerung schmerzhaft feststellen, dass der Westwall nicht nur ein Schutzwall war, sondern den Krieg auch für lange Zeit in ihrer Heimat binden würde.


Der schwierige Umgang mit der Vergangenheit

In der Region Eifel finden sich zahlreiche Spuren, die auf eine kriegerische Vergangenheit zurück blicken lassen. Einige dieser Spuren sind eher unscheinbar, andere fallen deutlich in der Landschaft auf. Seit den Kelten wechselte die Eifel laufend den "Besitzer". Es wurden Kriege um Lebensraum und Herrschaftsansprüche oder aus politischen Beweggründen in der Eifelregion geführt, die das Landschaftsbild, aber insbesondere die Gesellschaftskultur der Bevölkerung, stark beeinflussten. 
Diese Beeinflussung ist ein deutlicher Wandel in der Geschichte der Eifel und somit ein fester Bestandteil der Eifel an sich. Bis zum Ende des 2. Weltkrieges wurden die "Heldentaten" aus den Schlachten der vergangenen Kriege in den Köpfen der Menschen wach gehalten. Dieser propagandistische Prozess wurde besonders während der Vorbereitungen zu neuen Kriegshandlungen vorangetrieben, um die Begeisterung für weitere "Heldentaten" zu schüren.
Seit Ende des letzten Weltkrieges ist in diesem Bezug ein großes Umdenken festzustellen. Die Tatsache, dass Deutschland den Krieg verloren hatte und in seiner Staatsform ab dem 08. Mai 1945 zunächst nicht mehr existierte, konnte die Mehrheit des Volkes noch verkraften. Jedoch der Zerstörungsgrad der eigenen Heimat, der Verlust von Angehörigen sowie des eigenen Hab und Gutes und die Mitschuld am größten Völkermord der Geschichte waren Grund genug, um eine tiefe Ablehnung gegen alles Militärische zu entwickeln. Auch das gehört als Reaktion auf einen Krieg zum Wandel in der Gesellschaftskultur.
Über sechzig Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges sehen viele Bürger Deutschlands immer noch eine berechtigte Gefahr in der verherrlichenden Darstellung von Krieg und Gewalt. Daher ist es innerhalb der Bundesrepublik auch sehr schwierig, die militärische Vergangenheit Deutschlands touristisch seriös und dennoch anschaulich zu vermitteln. Insbesondere die Zeit des Nationalsozialismus ist hierbei Anstoßpunkt vieler Auseinandersetzungen. Oft sind es die verschiedenen Beweggründe der Projektleiter, eine bestimmte Besucherklientel oder der plumpe Umgang mit der Thematik, der dazu führt, diesen Bereich des Tourismus als fragwürdig erscheinen zu lassen.
Der Wohlstand einer Nation ist nicht nur an materiellen Werten eines jeden Einzelnen oder der Gemeinschaft zu messen, sondern er zeigt sich insbesondere im Umgang der Bevölkerung mit ihrer Umwelt und den Kulturgütern. Der Westwall ist als Kulturgut der Menschheit zu betrachten und kann in vielerlei Hinsicht hervorragend als Beispiel für den Wandel in der Eifelgeschichte genutzt werden.
Der heutige Bestand an Resten des Westwalls ist bedenklich gering und sollte uns im Umgang mit unseren Kulturgütern zu denken geben. Heute haben die meisten Ruinen der gesprengten Bunker einen wichtigen ökologischen Auftrag für unsere heimische Fauna und Flora - "Vom Bollwerk zum Biotop". Einige wenige Anlagen sind noch so erhalten, dass auch der Laie die Funktion der Verteidigungsanlage Westwall erkennen und verstehen kann. Diese Bereiche sollten in gewissenhafter Abstimmung mit den betreffenden Zuständigkeiten für einen sinnvollen und verantwortungsbewussten Tourismus bereitgestellt werden. 
Zur Zeit ist ein großes Interesse am Thema Westwall zu verzeichnen. Mit großen Anstrengungen versuchen Naturschutzbehörden und Verbände sowie privat geführte Naturschutzprojekte, den Abriss weiterer Westwallanlagen zu verhindern. Der Staat, der in den meisten Fällen der Eigentümer der Anlagen ist, zeigt sich seit einiger Zeit offen und ist zu Gesprächen bereit.